Spätestens seit den Ausschreitungen gegenüber vorab markierter konservativer Verlagshäuser auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2017 wurde offensichtlich, dass die Buchmessen politisch immer enger wurden. Ich habe damals schon mit der „Charta 2017“ als offenen Brief an unseren Berufsverband, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels kritisch darauf reagiert.
www.boersenblatt.net/archiv/1390030.html
Den immer homogener und größer, auch, wie in Leipzig, immer branchenfremder werdenden Buchmessen eine Büchermesse mit kuratiertem umfangreichen Veranstaltungsprogramm unterschiedlicher Genre entgegenzusetzen, ist für mich als gediente Buchhändlerin und erfolgreiche Unternehmerin vor allem geistige Notwehr.
Dem sind viele Gespräche mit Lesern, Kunden und Verlagen vorausgegangen, die sich wieder eine überschaubare Buchmesse wünschen, bei der die Literatur, die Leseförderung und das erlebte gemeinsame Gespräch im Vordergrund stehen.
Der 1. Aufschlag im November 2025 war ein großer Erfolg.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte wurden denn bei dieser Büchermesse von Ihnen gesetzt?
Wir streben eine vielfältige, farbenfrohe und lebendige Buchmesse an - über 90 Aussteller nutzten das gleich im "ersten Aufschlag". Es waren unterschiedlichste Genres und auch internationale Verlage vertreten. Neben großen Verlagsständen gab es finanziell günstigere Gemeinschaftsstände für Kleinstverlage und Selbstverleger und auch einen „KunstMarkt“ für Illustratoren, Bildende Künstler und BuchKunst.
Gerade kleine Verlage - aller literarischen Genres - oder auch Autoren selbst konnten von der erhöhten Sichtbarkeit im kleineren Rahmen sehr profitieren, dies auch mit eigenen Veranstaltungen. Viele Aussteller waren nach 2 Tagen Messe buchstäblich ausverkauft. Auch unser Programm umfasste allein über 70 Veranstaltungen auf der Bühne und in den Lesungsräumen.
Soll die Messe künftig nun jedes Jahr in Halle stattfinden? Und warum haben Sie sich für den Messestandort Halle entschieden?
Die HALLE MESSE hat sich bewährt bei der Erstveranstaltung und wir haben langfristig den Novembertermin geblockt - ideal auch für das Weihnachtsgeschäft unserer Aussteller. Infrastruktur und Anbindung passten wunderbar zu dem Format und der Größe der Büchermesse.
Die Zusammenarbeit mit dem Vermieter gestaltete sich unkompliziert und serviceorientiert. Auch haben wir von den unterschiedlichen Dienstleistungsangeboten der Firmengruppe profitieren können.
Mit wie vielen Ausstellern rechnen Sie nun nach dem Auftakt von „SEITENWECHSEL“ im November 2026?
Viele Aussteller haben sich gleich nach der 1. „SEITENWECHSEL“ bei mir gemeldet und ihre Anmeldung für 2026 in Aussicht gestellt. Außerdem weiß ich von einigen Verlagen, die sich das erst einmal anschauen wollten und nun erstmalig als Aussteller dabei sein wollen. Die vielen Rückmeldungen von Besuchern, Autoren und Ausstellern sprechen von Begeisterung auf allen Ebenen - Messetreiben, Veranstaltungen und Buchverkäufe. Den Wellenbrecher der 1. Büchermesse hat es erst einmal gebraucht!
https://www.youtube.com/watch?v=fWSvesXbBIc
Wir wollen wachsen und haben noch Kapazitäten - schaun wir mal, wie viele neue Aussteller sich begeistern lassen.
Was unterscheidet diese Buchmesse von anderen Buchmessen?
Wenn ich auf Nachfrage auch immer wieder von einer „alternativ ergänzenden“ Büchermesse spreche, meine ich damit vor allem unsere Offenheit und unser Vertrauen gegenüber allen interessierten Verlagen und Ausstellern. Denn viele Verlage kommen ja aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zu den bestehenden großen Buchmessen. Es ist zum Beispiel so, dass konservative Verlage nach Zulassung oft ungünstig platziert werden. Ich erinnere an die „rechte Ecke“, in die 2018 diese Verlage verschoben wurden.
www.diepresse.com/5511329/frankfurter-buchmesse-grenzt-rechte-verlage-raeumlich-ab
Natürlich wirkt sich dies negativ auf den Kundenbetrieb aus, so dass die Messebeteiligung nochmal mehr eine defizitäre Angelegenheit wird, die es auch für politisch neutrale Verlage auf Grund der Kostenstruktur oft schon ist. Erschwerend kommt hinzu, dass beide Buchmessen überlaufen und in ihren Größenordnungen unüberschaubar, auch beliebig geworden sind und sich daher Nischenverlage kaum noch präsentieren können. Dies allerdings ist der Sinn einer Messebeteiligung.
Wir setzen vor allem auf ein überschaubares Lesefest, wo an den Ständen Gespräche geführt werden und natürlich auch Bücher erworben werden können. Mit unseren attraktiven Konditionen, einer kostenfreien Veranstaltungsgestaltung vor Ort und einer kreativen Festival-Situation in erprobt professioneller Organisationsstruktur stehen wir auch Sonderwünschen offen gegenüber.
Und warum nennen Sie Ihre Büchermesse „SEITENWECHSEL“?
Natürlich geht es nicht darum, hier sprichwörtlich die Seite zu wechseln. Dennoch scheint es mir notwendig, einen Perspektiv-Wechsel zu ermöglichen.
Sie können eine Buchseite umblättern, weiterlesen und verstehen, Personen kennenlernen, von der sie oft gelesen, die sie aber nie persönlich getroffen haben. Denn irgendwann ist jeder Konsens doch nur noch simple Einseitigkeit und jedes Abdrängen von freier Meinungsäußerung macht uns geistig ärmer. Neugierige Leser aber sind reiche Menschen!
Ich freue mich mit jeder Faser meiner Buchhändlerseele auf unsere Buchmesse, die nach der deprimierenden diesjährigen Leipziger Erfahrung wieder die alten Akzente setzen wird, nämlich ein Fest zu sein für die Freiheit des Wortes und die Lust am Diskurs in einem friedlich-zugewandten Miteinander.